Wenn Perfektionismus Dich echte Verbindung in Deiner Beziehung kostet


Wenn Perfektionismus Dich echte Verbindung in Deiner Beziehung kostet

Wenn Perfektionismus Dich echte Verbindung in Deine Beziehung kostet

Ein Freund fragt mich, wie es läuft. Meine Antwort kommt automatisch: „Gut, ein bisschen zäh gerade, aber läuft.“ Stimmt jedoch nur zur Hälfte. Denn in Wirklichkeit bin ich müde, stecke in einem ungelösten inneren Konflikt und weiß gerade nicht so recht, wie es weitergeht. Und trotzdem gebe ich genau diese oberflächliche Antwort. Reflexartig, ohne darüber nachzudenken. In Alltagssituationen mag das angebracht sein so zu reagieren, wenn weder Raum noch Zeit dafür da ist. Jedoch war dies ein ruhiger Moment.

Aus meiner Arbeit weiß ich, dass viele Menschen so oder ähnlich reagieren.
Nach außen unerschütterlich, kompetent, verlässlich und Alles im Griff.
Nach innen jedoch und darüber sprechen die meisten nicht oder sehr selten: erschöpft, ausgebrannt und orientierungslos.
Bei mir liegt es oftmals gar nicht daran mangelnde Möglichkeit zu haben mit anderen Menschen in Kontakt zu gehen, sondern weil mehr daran, dass der Kontakt zu mir selbst gerade gar nicht so vorhanden ist.

Jetzt fragst Du Dich vielleicht, was das nun mit Perfektionismus zu tun haben soll?
Dazu komme ich jetzt.

Was Perfektionismus wirklich schützt

Für mich war Perfektionismus eigentlich nur etwas, was Streber haben. Eben Menschen die überall die Besten sind. Für mich, mit meinen mittelmäßigen Leistungen war das gar kein Thema. So dachte ich.

Und machen wir uns nichts vor, Perfektionismus hat unglaublich wertvolle Aspekte. Wenn wir danach streben etwas „perfekt zu machen“ dann arbeiten wir sorgfältig, verantwortungsbewusst, konzentriert mit dem Ziel etwas besonders gut zu machen.
Das ist auch gut und hilfreich, bis zu einem gewissen Punkt.

Doch kann Perfektionismus uns auch dazu treiben, dass wir nichts mehr unter unserem „etablierten“ Standard zulassen. Das wir uns eben hinter dem „perfekt machen“ verstecken. Dann wird Perfektionismus zu einem Schutzwall.

In der Forschung wird Perfektionismus mit einem Streben nach unrealistisch hohen Maßstäben, verbunden mit starker Selbstabwertung, wenn diese Maßstäbe nicht erreicht werden, beschrieben.

Eben ein Muster, das entsteht oder besser, dass wir erlernen, um möglichst gut, richtig und akzeptiert zu sein. Das entsteht insbesondere, wenn Zuwendung früh an Leistung geknüpft war. Das bedeutet nicht das dies bewusst oder gar böswillig eingesetzt wurde. Nein, es bedeutet lediglich, dass wir für besonders gute Leistung besondere Aufmerksamkeit bekommen haben. Und damit lernt unser Nervensystem eine ganz einfache Gleichung: Funktionieren bedeutet Sicherheit. Schwäche zeigen stell ein Risiko da. Ein so etabliertes Programm läuft über Jahre weiter, ohne das wir dies bewusst bemerken. Dreißig, vierzig Jahre. Im Job, in der Beziehung, in Freundschaften. Eine Studie der Uni Bremen beschreibt hier sehr eindrücklich, wie Perfektionismus und Selbstwahrnehmung zusammenhängen.

Welche Erfahrungen in der Kindheit dieses Muster prägen

Das ist eine Frage, die viele stellen und die häufig mit Schuldgefühlen verknüpft wird, entweder gegenüber den Eltern oder gegenüber sich selbst. Beides führt meiner Meinung nach in die falsche Richtung.

Was die Bindungsforschung zeigt: Kinder, die in Umgebungen aufgewachsen sind, in denen Wärme und Akzeptanz an Leistung oder Anpassung geknüpft waren, entwickeln häufig einen erhöhten Selbstanspruch als Bewältigungsstrategie. Hieraus wird auch klar, dass dies eine Stärke ist, die in diesem bestimmten Kontext Sinn ergeben hat.

Der Punkt ist eben nicht, dass diese Strategie falsch war. Der Punkt ist, dass diese Strategie in vielen erwachsenen Situationen nicht mehr passt und trotzdem weiterläuft. Denn diese Strategie hat sich eben unser Leben lang bewährt und ist zum Automatismus geworden. Dennoch kann das Ergebnis eine emotionale Distanz in Beziehungen sein.

Warum das Muster so schwer zu erkennen ist

Wer von Perfektionismus betroffen ist, erlebt sich selbst selten so. Von außen sieht es aus wie Stärke. Auch wenn es sich aus Dir heraus eher wie eine Pflicht anfühlt.

Die subtile Stimme lautet schließlich nicht: „Ich habe Angst.“ Sie lautet wahrscheinlich eher: „Ich muss es richtig machen.“

Diese innere Anspannung bleibt oft unsichtbar, vor allem für Dich selbst. Weil sie keine Ausnahme ist, sondern ein langer etablierter Normalzustand. Weil immer funktionieren müssen sich mit der Zeit nicht mehr, wie ein Muster anfühlt, sondern wie Deine eigene Persönlichkeit. Genau das macht es so schwer, aus eigener Kraft etwas zu verändern. Nicht weil es keine Bereitschaft gibt. Sondern weil das Bewusstsein fehlt.

Was in Beziehungen wirklich Nähe schafft

Verbindung entsteht nicht durch Stärke. Sie entsteht durch Erkennbarkeit. Das klingt einfach. Es ist es nicht. Erkennbarkeit bedeutet, Dich so zu zeigen, wie Du wirklich bist. Keine aufgeräumte und geschönte Version, sondern authentisch und ehrlich.

Eine Studie mit 493 Erwachsenen in festen Partnerschaften hat ergeben, dass überhöhte Ansprüche, an sich selbst und an andere, mit geringerer Beziehungszufriedenheit und stärkerer psychischer Belastung zusammenhängen. Was den Unterschied macht, ist nicht das Abschalten des Anspruchs an sich und den Partner. Es ist die Fähigkeit, mit den eigenen Emotionen in Kontakt zu kommen und zu bleiben, auch und gerade wenn es unbehaglich wird.

Wenn Du niemals Schwäche zeigst weil Du eben alles gut machst, gibt es nichts, womit sich jemand anderes wirklich verbinden kann. Das hat nichts mit Desinteresse zu tun sondern mit sichtbar sein. Das Makellose ist schwer zu berühren.

Ein Beispiel, das unauffällig klingt und dennoch viel zeigt: Dein Partner möchte abends spazieren gehen. Du willst lieber auf dem Sofa bleiben und einen Film schauen. Der perfektionistische Automatismus sagt: Geh mit. Mach es recht. Keine Diskussion oder Auseinandersetzung.

Was passiert stattdessen, wenn Du sagst: „Ich möchte heute Abend lieber auf dem Sofa liegen, ich bleibe zu Hause. Wenn Du nach deinem Spaziergang magst, dann können wir noch gemeinsam einen Film schauen.“ Auf den ersten Blick wirkt das wie eine Absage. Auf den zweiten ist es etwas anderes: Du zeigst, was Du brauchst. Du bist erkennbar. Und Du lässt Raum dafür, dass Euer Abend trotzdem gemeinsam wird, nur anders als zuerst gedacht.

Das ist kein Durchsetzen. Es ist auch kein Nachgeben. Es ist authentisch sein in einer alltäglichen Situation. Und genau das schafft die Grundlage, auf der Verbindung entstehen kann: Zwei Menschen, die beide sagen, was sie wollen. Und dann gemeinsam schauen, was geht. Das setzt voraus, dass Du weißt, was Du willst. Und dass Du Dir erlaubst, es zu zeigen.

Beides klingt selbstverständlich. Für Menschen mit einem ausgeprägten Selbstanspruch ist es das oft nicht. Denn der eigene Wunsch ist im Vergleich zu dem, was andere brauchen könnten, lange als zweitrangig eingestuft worden.

Wie der Körper das Muster hält

Perfektionismus ist keine reine Kopfsache. Er sitzt im Körper. Wer dauerhaft auf Kontrolle und Funktionieren ausgerichtet ist, atmet anders. Flacher, weniger tief, oft unbewusst zurückgehalten. Die Muskulatur ist in leichter Dauerspannung. Der Atem, der uns im nächsten Moment versorgen soll, wird unbewusst dosiert, ganz so als würde zu viel davon zu viel Kontrollverlust bedeuten.

Bewusstes Atmen setzt genau dort an. Nicht als Entspannungstechnik, sondern als direkter Zugang zu dem, was der Körper gerade hält. Wer anfängt, den Atem zu beobachten, nein nicht um ihn „besser“ zu machen, sondern zu beobachten, bemerken Die meisten als erstes: Wie wenig Raum sie ihrem Atem erlaubt haben.

Was passiert, wenn Du aufhörst zu kontrollieren

In einer Atemreise kannst Du nicht perfekt sein. Dein Atem zeigt, wo Du selbst wirklich. Nicht wo Du sein willst, nicht wo Du denkst, dass Du sein solltest.

Ich habe das selbst erfahren. In einer intensiven Sitzung, die ich vor einigen Monaten gemacht habe, zeigte sich etwas, das ich lange nicht zugelassen hatte: eine tiefe Stille darunter. Und in dieser Stille, war das Gefühl, wirklich da zu sein. Verbunden mit mir.

Was dabei passiert, ist keine Esoterik und keine Magie. Dein Körper reguliert sich, wenn er den Raum bekommt. Dein Nervensystem, das lange im Funktionsmodus war, bekommt das Signal: Du musst hier nicht leisten. Du darfst einfach sein. Aus dieser Erfahrung, schafft Dein Körper einen neuen Referenzpunkt.

Ein erster kleiner Schritt, den Du gehen kannst

Achtung, jetzt bitte nicht sofort Deinen „perfekten“ Anspruch auspacken, alles anders und authentisch machen zu wollen. Probiere stattdessen das hier: Wenn Du das nächste Mal in einem Gespräch gefragt wirst, wie es Dir geht, bevor Du antwortest, einmal ausatmen und wieder einatmen. Einfach einen Moment Pause. Und dann Deine Antwort, die ein bisschen näher an dem ist, was wirklich ist.

„Es ist ein bisschen viel gerade, ich möchte aber nicht weiter drauf eingehen.“ Statt „Alles super.“ Das reicht schon. Es muss keine große Offenbarung sein. Kleine Schritte in eine neue Richtung. Damit veränderst Du nicht nur Dein Bild von Dir, sondern auch was andere von Dir wahrnehmen.

Eine Frage zum Mitnehmen

In welcher Situation zeigst Du Dich gerade so, wie Du wirklich bist? Und in welcher nicht?

Damit möchte ich Dich einladen, einen ehrlichen Blick auf Dich zu werfen.

Unterstützung durch Breathwork

Wenn Dich das Thema Perfektionismus angesprochen hat, versuche doch mal über bewusstes Atmen, Deine Perspektive zu ändern. Dazu empfehle ich Dir gerne in den Podcast Espresso Atempause rein. Besonders passend: Episode #8 – Aktiv erholen. Direkt, kurz und konkret eintauchen und ausprobieren.